Energiewende mit Gasinfrastruktur: Effizient durch Sektorkopplung, Stromspeicherfunktion und Integration von Grüngas

Ein Interview mit dem FNB Gas-Vorstandsvorsitzenden Ralph Bahke, hauptamtlich Geschäftsführer der ONTRAS Gastransport GmbH

Die Energiewende war auch auf der ersten new energy world in Leipzig das Thema. Es ging bei dieser Fachtagung und Ausstellung über die Energiewelt von Morgen, um Digitalisierung, intelligente Vernetzung, Energieeffizienz, Lastmanagement und neue Geschäftsmodelle. Strom dominierte, Erdgas spielte allenfalls als Backup bei Dunkelflauten eine Rolle. Doch ist eine komplette Umstellung der Energieversorgung auf EE-Strom wirklich der Königsweg? Oder sollten wir unsere Energieversorgung auch künftig besser auf mehrere Säulen stützen? Wir sprachen darüber mit dem FNB Gas-Vorstands­vorsitzenden Ralph Bahke, hauptamtlich Geschäftsführer der ONTRAS Gastransport GmbH.

FNB Gas: Warum beschäftigen Sie sich als regulierter Fernleitungsnetzbetreiber mit dem Thema „grüne Gase“?

Ralph Bahke: Durch unsere Pipelines strömen jährlich bis zu 18 Mrd. m³ Gas, rund ¼ des jährlichen Gasverbrauchs in Deutschland. Mehr als ein Prozent davon ist Biomethan und ein geringer Anteil Wasserstoff, regenerativ erzeugt mittels Power-to-Gas. Das weist uns den Weg in eine Zukunft mit steigendem Anteil regenerativ erzeugter, CO2-neutraler Gase, zusammengefasst „Grüngas“. Politische, demografische wie wirtschaftliche Faktoren deuten jedoch darauf hin, dass der Gasbedarf in den kommenden Jahrzehnten erheblich sinken wird. Dem wollen wir entgegenwirken, indem wir Erdgas mit Grüngas zunehmend umweltfreundlicher machen und damit diesem Energieträger weiterhin einen festen Platz in der Energielandschaft sichern.

FNB Gas: Ziel der Politik ist es, die CO2-Emissionen bis 2050 um 80% zu senken. Doch obwohl je nach Berechnung schon bis zu 200 Milliarden Euro in den Ausbau der Erneuerbaren geflossen sind, ist seit 2009 kein Trend zum weiteren Rückgang der CO2-Emissionen erkennbar. Die Unternehmensberatung Mckinsey sieht bei acht von 15 Indikatoren zum Erreichen der politischen Energiewende die „Zielerreichung nicht realistisch“. Was läuft da schief?

Bahke: Die vorhandenen Potenziale bleiben ungenutzt. Durch einseitige Technologiesubventionen ist das eigentliche Ziel, die THG-Emissionen drastisch zu senken, aus dem Fokus geraten. Gleichzeitig steigen die Kosten für EE-Strom. Dabei zahlten wir allein 2015 für „Wegwerfstrom“, also den Strom aus Windkraft- und Solaranlagen, den die Netze wegen Überlastung nicht mehr aufnehmen konnten, über eine Milliarde Euro für Redispatching-Maßnahmen und Abschaltungen bei den Übertragungsnetzbetreibern. Nach wie vor führen Niedrigst-Preise um fünf Euro pro CO2-Zertifikat und niedrige Strompreise an den Börsen dazu, dass Kohlekraftwerke den Backup bei Dunkelflauten stellen, während effiziente Gaskraftwerke abgeschaltet werden. Entsprechend werden die CO2-Emissionen 2016 erneut über denen von 2015 liegen (Schätzungen UBA: 902 Mio. t, AGEB: 916 Mio. t). Unter den derzeitigen Konditionen werden zudem keine neuen Gaskraftwerke gebaut. Somit stehen diese nicht einmal, wie von der Politik vorgesehen, für den Backup nach 2020 bereit.

Im Verkehrssektor, der mit weiter ansteigenden CO2-Emissionen der Energiewende entgegenwirkt, werden teure EE-Strom-Technologien mit Steuermitteln gefördert und Kaufanreize gesetzt. Dagegen wird CNG (komprimiertes Erdgas + Biomethan) nur über eine zeitlich begrenzte Steuerermäßigung als Kraftstoff gefördert, obwohl CNG schnell und preisgünstig zu erheblichen CO2-Senkungen beiträgt. Das belegen die 98.000 CNG-Fahrzeuge in Deutschland, die gegenüber vergleichbaren Benzinern pro Jahr bei 15 Prozent Biomethananteil rund 100.000 t CO2 weniger ausstoßen und zudem erhebliche NOx- und Feinstaubmengen vermeiden.

FNB Gas: Die strombasierte Energiewende birgt auch handfeste betriebswirtschaftliche Risiken für die Fernleitungsnetzbetreiber. Einerseits investieren die FNB laut aktuellem Netzentwicklungsplan Gas in den kommenden zehn Jahren 4,5 Milliarden Euro in den Ausbau der Infrastruktur. Andererseits diskutieren Politiker über das Ausscheiden von Erdgas bis 2030 in wesentlichen Sektoren wie dem Mobilitäts- und Wärmesektor. Daher stellt sich für Gasnetzbetreiber die Frage: Brauchen wir dann künftig überhaupt noch eine Gasinfrastruktur?

Bahke: Wir sind überzeugt: Ja! Dabei muss es gelingen, die drei Themen Versorgungssicherheit, Investitionen und den Vormarsch der Regenerativen zusammenzubringen, bei deutlicher Senkung der THG-Emissionen. Dabei brauchen wir Gaskraftwerke nicht nur als Backup, um bei Dunkelflauten die Versorgung mit Strom sicherzustellen, sondern auch, um weniger effiziente und CO2-intensive Kohlekraftwerke zu ersetzen. Denn Gaskraftwerke haben neben der effizientesten Energieausnutzung einen weiteren Vorteil: sie können schwarz starten. Wie dringend wir solche Kraftwerke brauchen, zeigen auch folgende Zahlen: Zwar glänzten Windkraft- und Solaranlagen 2015 mit 44 Prozent Anteil an der Erzeugerkapazität, hatten jedoch bei der Bruttostromerzeugung einen Anteil von bescheidenen 18 Prozent. Der Rest musste konventionell in Kraftwerken erzeugt werden.

FNB Gas: Es gibt zahlreiche Befürworter, die eine komplette Elektrifizierung unseres Energieverbrauchs für eine anstrebenswerte Lösung halten. Damit wäre Gas tatsächlich aus dem Rennen. Ist das ein denkbares Szenario?

Bahke: Man muss nicht lange rechnen, um festzustellen, dass die Vollelektrifizierung extrem ambitioniert ist. Wollten Sie z. B. alle noch mit fossilem Brennstoff betriebenen Heizungen auf Strom umstellen, müssten Sie etwa doppelt so viel Strom erzeugen wie heute, und das regenerativ. Zudem müssten Sie diesen zusätzlichen Strom in die Netze bringen und bis zum Verbraucher transportieren. Wenn Sie bedenken, dass die Stromnetze schon heute und mindestens noch für die kommenden zehn Jahre überlastet sind, ein schwieriges Unterfangen.

Ähnliches gilt auch für den Verkehrssektor. Zusammengenommen wären wir gegenüber heute damit schon bei der mehr als dreifachen Strommenge, die Sie produzieren und bis zu den Verbrauchern transportieren müssten. Die enervis-Studie vom März 2017: „Klimaschutz durch Sektorenkopplung: Optionen, Szenarien, Kosten“ prognostiziert für 2025 im Szenario „grüne Verstromung“ entsprechend einen Strombedarf von 1.600 TWh.

Ich bin überzeugt: Erdgas und Grüne Gase neben EE-Strom sind hier die bessere und billigere Alternative, CO2-Senkungen schnell und nachhaltig und zu bezahlbaren Kosten zu erreichen. Auch besagte enervis-Studie kommt zu dem Ergebnis:

„Erdgas bleibt bis mindestens 2040 die kosteneffizienteste CO2-Vermeidungsoption für Wärme und bis 2050 darüber hinaus ein kosteneffizienter CO2-armer Energieträger für Backup-Kraftwerke.“

FNB Gas: Was braucht es, damit die Energiewende mit Gas Fahrt aufnehmen kann?

Bahke: Für eine integrative Energiewende mit Gas benötigen wir dringend positive Signale der Politik. Basis ist die Rückkehr zu einer technologieoffenen, an den erreichten CO2-Minderungen orientierte Förderung. Regenerativ erzeugte Gase aus Power-to-Gas-Anlagen müssen zudem unabhängig von der späteren Verwendung mit dem Einspeisen ins Gasnetz dem Biogas gleichgestellt sein. Auch regulatorische Hemmnisse beim Umsetzen von CO2-Einsparungsmaßnahmen sind zu beseitigen, um im Rahmen von Effizienzsteigerungen auch die Möglichkeiten erneuerbarer Energien nutzen zu können und diese damit zu fördern.