Erdgas – die Transportrouten der Zukunft

Eigenproduktion von Erdgas sinkt – Ferngasnetzbetreiber ermitteln Transportkapazitäten und -routen.

Europas H-Gas-Importbedarf wird in den nächsten Jahren deutlich zunehmen. Ein Grund dafür ist die sinkende europäische Eigenproduktion. Bis zum Jahr 2035 ergibt sich ein zusätzlicher Importbedarf für Europa von rund 170 Mrd. m3 pro Jahr. Analog zum Szenariorahmen zum Netzentwicklungsplan Gas 2015 gehen die Fernleitungsnetzbetreiber davon aus, dass die neuen Erdgasmengen über zwei Transportmittel nach Europa gelangen werden. Zum einen wird zusätzliches Erdgas über neue Leitungen aus Russland, Afrika und dem kaspischen Raum nach Europa transportiert, zum anderen werden Mengen per Tankschiff als verflüssigtes Erdgas (LNG = Liquified Natural Gas) zur Verfügung gestellt. Diese Entwicklung ist eine Herausforderung für die deutsche Fernleitungsinfrastruktur. Sie muss, nicht zuletzt wegen der großen grenzüberschreitenden Erdgasströme zu den angrenzenden west- und südeuropäischen Staaten, auf größere Anforderungen ausgerichtet werden.

Unter anderem diese neuen Anforderungen berücksichtigen die FNB im Szenariorahmen zum Netzentwicklungsplan Gas 2016. Dabei ergeben sich gegenüber dem Netzentwicklungsplan Gas 2015 folgende Änderungen:

  • Der Importbedarf Europas wird jetzt auf Grundlage des TYNDP* 2015 der ENTSOG* ermittelt.

  • Bei LNG-Terminals werden sowohl die bestehenden Anlagen berücksichtigt, als auch die geplanten Neubauterminals.

  • Das Leitungsprojekt Nord Stream-Erweiterung wird zum Entwurf des Szenariorahmens zum Netzentwicklungsplan Gas 2016 in die Quellenverteilung aufgenommen.

*H-Gas = high calorific gas
TYNDP = Ten Year Network Development Plan
ENTSOG = European Network of Transmission System Operators for Gas

Neue Leitungsprojekte und verflüssigtes Erdgas

Da die Leitungsprojekte Nabucco und South Stream sowie das LNG-Terminal Brindisi, nach neuesten Erkenntnissen nicht realisiert werden, bleiben sie im Rahmen der Modellierung des Netzentwicklungsplans Gas 2016 unberücksichtigt.

Analog zum Netzentwicklungsplan Gas 2015 wird angenommen, dass zusätzliche Erdgasmengen in Höhe von 11 bcm/a über TAP, 8 bcm/a über GALSI und 5 bcm/a über die bestehende Leitungsprojekt Nord Stream-Stränge 1 und 2 angestellt werden. Außerdem werden Mengen in Höhe von 8 bcm/a über das Projekt AGRI (Azerbaijan–Georgia–Romania Interconnector) und in der Modellierungsvariante Q.1 in Höhe von 16 bcm/a über das Projekt White Stream für Europa berücksichtigt.

Ein Kernstück der neuen Versorgungsrouten ist die Erweiterung der Nord Stream-Leitung: Deren zusätzliche Kapazität in der Modellierungsvariante Q.2 beträgt 65 bcm/a. Dies wird voraussichtlich dazu führen, dass die Projekte TESLA und White Stream nicht realisiert werden. Für diesen zusätzlichen Transportbedarf werden erhebliche Netzausbaumaßnahmen erforderlich werden.

Die Bedeutung von LNG an der europäischen Erdgasversorgung steigt

Insgesamt stellen alle angenommenen neuen Leitungsprojekte in der Modellierungsvariante Q.2 111,25 bcm/a bereit. Bei einer Substitutionsmenge von 30 bcm/a für die Versorgung der Ukraine stehen damit über neue Leitungsprojekte 81,25 bcm/a für Deutschland bzw. Westeuropa bereit.

Der zusätzliche LNG-Bedarf zur Deckung des europäischen Zusatzbedarfs beläuft sich im Jahr 2035 somit auf 88,75 bcm/a.